Das "Ein Harz"-Interview

Nach der jüngsten Gründung als Tochter-GmbH des Regionalverbandes will die Ein-Harz-Initiative weiter Fahrt aufnehmen – barrierefrei sozusagen. Denn die Grenzen von drei Bundesländern und fünf Landkreisen sollen nicht hindern, den Harz über den Tourismus hinaus auch als Wirtschaftsregion, Kulturregion und auf den Verwaltungsebenen enger zu vernetzen. „Wirtschaft im Harz“ ging mit Dr. Oliver Junk ins Interview. Er ist Initiator und Aufsichtsratsvorsitzender der Ein-Harz-Initiative.

Herr Dr. Junk, „jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“, hieß die vielzitierte Devise von Willy Brandt nach dem Mauerfall im November 1989. Knapp 25 Jahre später sorgten Sie als Goslarer Oberbürgermeister mit einem ungewöhnlichen Vorstoß auf regionaler Ebene für Schlagzeilen: Der ganze Harz sollte in einem Landkreis zusammenwachsen, also über die Ländergrenzen von Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen hinweg. Die Sache scheiterte, aber war dies dann die Geburtsstunde der Ein-Harz-Initiative?

Tatsächlich hat dieser Vorstoß 2014 aufgerüttelt und motiviert, Menschen aus der gesamten Harz-Region zusammenzubringen. Unmittelbar nach der Wende 1989/90 gab es schon einmal – mit dem damaligen Oberkreisdirektor Müller in Goslar und dem damaligen Landrat Michael Ermrich in Wernigerode – Menschen, die gesagt haben: Jetzt lasst uns auch Ost- und West-Harz sehr nahe zusammenbauen und verflechten. Aber nach dieser Anfangszeit entwickelte sich dies auch wieder stark auseinander. Sachsen-Anhalt war sehr stark mit sich selbst beschäftigt, allein durch drei Kommunalreformen in 20 Jahren, durch den verwaltungstechnischen Umbau von Städten und Landkreisen, aber auch viele personelle Veränderungen. Im West-Harz gab es ein Stück weit Nicklichkeiten oder, wenn wir so wollen, auch Neiddebatten: riesiges Fördergefälle, hohe Subventionen nach Ilsenburg, Wernigerode, Halberstadt oder Quedlinburg, in der Folge auch Unternehmen, die konkret von West nach Ost umgesiedelt sind. Da haben viele beklagt: „Das kann ja wohl nicht wahr sein. Das ganze öffentliche Geld, Förderung der touristischen Infrastruktur fließen in den Ost-Harz, die kriegen riesige Zuschüsse – und wir nicht.“ Und als i-Tüpfelchen obendrauf kamen beispielsweise noch Streitigkeiten um Namen und Begriffe. Stichwort: „Wer ist denn jetzt Oberharz? Wer ist denn Landkreis Harz? Dürfen die sich in Sachsen-Anhalt einfach so nennen?“ Und noch vieles mehr. All diese Dinge haben dann auch zum persönlichen und emotionalen Gegeneinander geführt.

Und das ist jetzt überwunden?

Eines möchte ich zunächst noch anfügen: In Sachen Tourismus hat es länderübergreifend immer gut funktioniert – und auch den Harzklub möchte ich hier nennen. Aber darüber hinaus war nicht viel. Ich denke, es brauchte einfach einige Zeit, vielleicht auch neue Gesichter in entscheidenden Funktionen. Außerdem hatte sich nach 25 Jahren auch das Niveau der öffentlichen Fördermittel nivelliert ...

... und vielleicht kamen Menschen, die weniger emotional mit den genannten „Nicklichkeiten“ verwoben waren?

Ja, genau. Und deshalb war vielleicht auch das Interesse wieder größer und die Zeit auch günstig für meine Idee. Es brauchte vermutlich nur jemanden, der den Anstoß gibt und sagt: Lass uns doch einfach mal zusammensetzen und sprechen. Das Erstaunliche nach nunmehr fünfundzwanzigeinhalb Jahren ist, dass diese Gruppe, die ich damals in Hahnenklee bei Axel Bender im Keller des Walpurgishofs im Grunde wild zusammengewürfelt hatte, nicht nur zusammengeblieben, sondern immer größer geworden ist. Eine Gruppe mit Menschen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kommunen, die gesagt haben: Unsere Herausforderungen sind so groß, unsere Städte, die Betriebe und Hochschulen aber klein – und wir leben alle nicht auf einer Insel, sondern können nur als Region denken. Und diese Region blickt eben nicht auf der einen Seite stets nach Magdeburg oder Erfurt und hier nach Hannover, sondern sie gehört hier im Harz zusammen.

Wer mischt bei der Ein-Harz-Initiative inzwischen alles mit?

Die drei Hochschulen, also Wernigerode, Nordhausen und die TU Clausthal, die regionale Wirtschaft – da möchte ich beispielsweise Anja Mertelsmann nennen vom Arbeitgeberverband Harz –, die Harz AG in Sachsen-Anhalt, Pro Goslar hier bei uns, IHK, Handwerkskammern, Mekom in Osterode, also Unternehmerverbünde, aber auch starke Einzelunternehmer. Motoren der Kommunen waren zunächst Bürgermeister Peter Gaffert aus Wernigerode, Klaus Becker aus Osterode, der damalige Oberbürgermeister Dr. Klaus Zeh aus Nordhausen und ich. Aber inzwischen sind es viele Bürgermeister und Bürgermeisterinnen mehr, die engagiert sind.

Und wie ist die Ein-Harz-Initiative genau organisiert?

Nun, am 9. September hat sich auch der Aufsichtsrat der neuen GmbH konstituiert. Die GmbH ist dabei eine hundertprozentige Tochter des länderübergreifenden Regionalverbandes Harz e.V.
Somit sind die Landkreise die Gesellschafter der Ein-Harz GmbH, und im Aufsichtsrat haben wir auch Wissenschaft, Wirtschaft und kommunale Vertreter abgebildet.

Blicken wir noch mal zurück auf das Ursprungsjahr 2014: Was konnte die Ein-Harz-Initiative seither schon bewegen? Was hat sie konkret schon auf die Schiene gebracht?

Ich bin mir sicher, dass das Harzer Urlaubsticket Hatix, das zum 1. Januar auch im West-Harz eingeführt wird, ohne die Ein-Harz-Initiative sicher nicht so schnell gekommen wäre. Auch wenn ich uns als Ein-Harz-Initiative nicht überbewerten möchte, aber wir haben da Schwung und Nachdruck bei den kommunalen Vertretern hineingebracht. Außerdem haben wir mit der Ein-Harz-Initiative gelernt, regionale Themen nicht nur in unseren Länder- und Landkreisstrukturen zu denken, sondern viel mehr Verständnis und Sensibilität füreinander zu haben. Und gerade das ist für mich das Allerwichtigste. Der entscheidende Erfolg der Ein-Harz-Initiative in diesen fünf Jahren ist, dass wir untereinander wissen, an welchen Themen Wirtschaft, Wissenschaft und Kommunen arbeiten. Derzeit beschäftigen wir uns zum Beispiel mit dem sehr starken Thema „E-Carsharing“ ...

... was ja von Nordhausen aus in die Debatte kam, wo E-Carsharing bereits läuft.

Ja, und jetzt eben der Gedanke, „E-Carsharing“ in Zukunft über den gesamten Harz miteinander zu vernetzen. Aber dann machen wir jetzt nicht in Goslar ein neues Projekt mit Machbarkeitsstudie daraus, sondern wir wissen: Hey, in Nordhausen haben die das doch schon – und wir kennen die. Dann können die Nordhäuser zu uns kommen, uns das Projekt erklären, und wir können entscheiden, ob wir diese Idee bei uns ausbauen.

Es könnte also gut sein, dass auch im Raum Goslar auf niedersächsischem Boden in Zukunft ein „E-Carsharing“ wie im thüringischen Nordhausen adaptiert wird?

Sagen wir es so: Das wurde in Nordhausen erfunden, die Stadtwerke in Nordhausen sind inzwischen der Träger, und wir arbeiten jetzt daran mit der TU Clausthal, dem Landkreis Goslar, mit der Stadt Wernigerode, den Stadtwerken und bei uns in Goslar mit der Stadtbus-Gesellschaft, bei der wir das Projekt wahrscheinlich verankern können, dieses Projekt für den gesamten Harz anzubieten. Bei allem Inseldenken, Nicklichkeiten und Wettbewerb auch zwischen den Kommunen lässt sich ein solches Projekt mit so vielen Beteiligten nur dann aufsetzen, wenn man sich untereinander kennt, mag und auch gut verträgt. Und genau das hat die Ein-Harz-Intiative geschafft.

Wie finanziert sich die neue Ein-Harz GmbH?

Die Landkreise haben das Stammkapital von 25.000 Euro für die GmbH bereitgestellt. Für jede Tätigkeit müssen wir uns ansonsten das nötige Geld besorgen. Wir haben jetzt zunächst ein Büro an der Hildesheimer Straße in Goslar in den Räumen der Harz-Energie, wir haben mit Frank Uhlenhaut einen Geschäftsführer, haben einen Prozess aufgesetzt für ein Corporate Design mit gemeinsamem Logo und eine Corporate Identity, wie es heutzutage heißt, und wir haben eine Homepage entwickelt, die wir bald freischalten. Das Geld, das wir dafür benötigen, werben wir ein.

Wo?

Bislang wurde unser Vorhaben ausschließlich aus der Wirtschaft unterstützt, nicht von den Kommunen oder den Hochschulen. Aber wenn wir künftig konkrete Projekte aufsetzen – wie etwa das „E-Carsharing“, dann bekommen natürlich auch die Kommunen etwas in ihr finanzielles Pflichtenheft. Aber all das hängt immer mit einem konkreten Projekt zusammen. Wir haben also keine institutionelle Grundförderung von Kommunen, Landkreisen oder Ländern.

Sind dennoch Fördermittel der Länder für übergreifende Projekte denkbar? E-Mobilität könnte doch ein Paradethema sein.

Ja, zweifellos. Wir hatten ja im vergangenen Jahr im Kloster Wöltingerode eine sehr gute Konferenz zusammen mit den Wirtschaftsministerien der drei Länder. Die drei Minister haben dabei bekräftigt, dass sie die Ein-Harz-Initiative befürworten und auch unterstützen wollen – zumal die übergreifende Initiative auch im jeweiligen Interesse der Länder ist. Aber die Länder wollen ganz konkrete Projekte, bevor sie Fördermittel zur Verfügung stellen.

Warum hat es mit der Gründung der GmbH so lange gedauert? Sie war ja schon 2017 ein Thema. Gab es viele Barrieren, obwohl man sich gut versteht?

Wir können ganz offen sagen, dass insbesondere aus Niedersachsen mancher kritisch eingeschränkt hat, wir gehörten doch zum Braunschweiger Land. Außerdem schwäche die Ein-Harz-Konstruktion doch die Landkreis-Ebene – das bräuchten wir alles nicht. Insbesondere aus Kreisen der Landräte heraus gab es nicht nur Hurra-Rufe. Aber als Initiative hatten wir ja auch keinen Zeitdruck: Die rechtliche Konstruktion war deshalb wichtig, weil wir eine Kasse und eine zentrale Organisation der Projekte brauchen. Außerdem wollten wir die Initiative unabhängig von Personen machen, denn das darf nicht sein: Wenn wichtige Impulsgeber irgendwann gehen – wie Anja Mertelsmann, Hans-Heinrich Haase-Fricke, Wernigerodes Bürgermeister Peter Gaffert, ein Oliver Junk oder ein Klaus Becker, der jetzt bald sein Amt als Bürgermeister von Osterode abgibt –, dann muss die Organisation der Ein-Harz-Initiative trotzdem Bestand haben. Sonst verläuft sich das wieder. Wir brauchten also einen institutionellen Rahmen, eine rechtliche Konstruktion, die trägt. Und genau an dieser Stelle haben wir lange überlegt – zumal wir auch die Landkreise unbedingt als Partner haben wollten.

Ein wichtiger Punkt ist, dass die Harz-Region, die es als Einheit bislang so nicht gibt, wirtschaftlich stärker zusammenwächst. Vielfach fehlt es ja schlicht an Wissen: Wer könnte Kunde sein, wer ein Zulieferer? Wo können wir zusammenarbeiten? Wie würden Sie momentan diese wirtschaftlichen Verbindungen im Harz einschätzen? Und wie sollten sie in den nächsten zehn bis 20 Jahren werden?

Vor 20 Jahren haben wir vielleicht gesagt: Da ist unser Wettbewerber, der nimmt uns mit Riesensubventionen die Aufträge weg. Heute aber begreift Wirtschaft, wenn wir etwa in den Bereich Ilsenburg und Wernigerode schauen, dass da Kunden sind – und umgekehrt. Von daher stimmt es einfach nicht, Wirtschaftsbeziehungen etwa von Goslar aus immer nur mit Braunschweig zu verbinden. Das bildet sich in der Realität doch so nicht ab, und ich spüre das auch bei vielen Firmenbesuchen. Hinzu kommt eine ganz erhebliche Pendlerbeziehung zwischen West- und Ostharz.

Von Wernigerode nach Goslar, aber auch umgekehrt.

Beides – und ganz erheblich. Das funktioniert über die B 6n oder A 36 ja auch super. Mir ist dabei wichtig, dass wir bei all unseren bestehenden Unternehmer-Netzwerken nicht immer nur untereinander im Landkreis Goslar verbinden – oder wieder das Lieblingsthema von so vielen in unserer Region, nämlich Goslar mit Braunschweig zu verbinden. Wir sollten Goslar genauso selbstverständlich mit Osterode verbinden wie mit Wernigerode, mit Nordhausen oder Halberstadt. Genau daran möchte ich einfach arbeiten – allein schon, weil unsere Themen so ähnlich sind.

Nämlich die von Mittelzentren im ländlichen Raum.

Ja, wir sind in der Mitte Deutschlands, es ist ländlicher Raum, es geht um Fachkräfteprobleme, darum, wie attraktiv dieser ländliche Raum in Zukunft ist, auch für junge Menschen. Machen wir Rückkehrer- oder Kommt-wieder-Kampagnen? Aber Goslar allein ist so klein, wir werden doch niemals eine zugkräftige Image-Kampagne allein für Goslar entwickeln können, die dann auch deutschlandweit strahlt. Niemals.

Aber gemeinsam vielleicht für die Harz-Region.

Ja, wenn wir eine tolle Image-Kampagne für unsere Wirtschaft entwerfen, und alle etwas hineingeben, dann geht‘s. Ich halte genau dies für ein ganz zentrales Thema, und das können wir auch nicht von Braunschweig aus organisieren lassen. Die Stadt hat doch ganz andere Herausforderungen: Die Themen in Braunschweig, Salzgitter, Wolfsburg oder auch Hannover unterscheiden sich deutlich von den Themen in Goslar. Mit Wernigerode oder Nordhausen haben wir dagegen erheblich mehr Schnittstellen. Wir brauchen in Zukunft einfach wieder eine deutlich stärkere Konzentration auf die Mittelzentren als Anker für die Menschen.

Ein Thema noch, das die Harzer über alle Grenzen verbindet – die trockenen Wälder, die Borkenkäferplage und der Nationalpark. Derzeit haben wir einen heftigen Streit, mancher Forstmann oder ehemalige Forstmann vermutet sogar, es gäbe eine gezielte Strategie, den Wald auf niedersächsischer Seite absterben zu lassen, damit der Ost-Harz profitiert. Wie ist Ihr Standpunkt dazu?

Bei allem Respekt: Da nervt mich derzeit der ein oder andere Forstmann. Wir sollten nicht vergessen, dass es tatsächlich eine andere Zeit war, in der diese Förster Verantwortung getragen haben. Die Fichten waren deutlich jünger, sie waren noch nicht durch unzählige Orkane in der Wurzel geschädigt – und die Bäume hatten mehr Wasser. Eine Unterstellung, die heutige Generation in der Verantwortung könne es nicht, sei zu dumm, um den Borkenkäfer zu bekämpfen, halte ich für unredlich und ungerecht. Es gab eine große politische und länderübergreifende Entscheidung für einen Nationalpark – mit allen Vorteilen, aber mittlerweile auch Nachteilen durch die aktuelle Situation. Vielleicht hat der Nationalpark unterschätzt, wie viel Emotion in diesem Thema der abgestorbenen Bäume steckt. Aber der Wald ist nicht tot, und wer mit offenen Augen unterwegs ist, der sieht, dass dort auch wieder neuer Wald entsteht. Die Fichtenmonokulturen passen ganz einfach nicht mehr in diese Welt. Und das hat auch etwas mit dem Klimawandel zu tun. Trotzdem kritisiere ich heute niemanden, der diese Fichten vor Jahren und Jahrzehnten dort gepflanzt hat. Der Wirtschaftswald stand noch viel stärker im Vordergrund, und die Fichte war der Brot-und-Butter-Baum.
Wir sehen es auch im Goslarer Stadtwald, dem größten kommunalen Forst in ganz Niedersachsen: Der Borkenkäfer trifft uns erheblich und wird uns allein dieses Jahr 800.000 Euro Verlust bescheren. Das Holz ist nichts mehr wert, wir müssen es rausziehen, damit sich der Borkenkäfer nicht noch weiter ausbreiten kann. Aber die Lage ist so, wie sie ist. Da ist der Nationalpark jetzt gefordert, den Menschen mehr zu erklären, und auch wir Kommunen müssen mehr tun, um zu erläutern, was da gerade passiert. Aber die Zahlen beweisen auf der anderen Seite auch eindeutig, dass kein einziger Tourist weniger kommt wegen der abgestorbenen Bäume. Es entsteht ein neuer und anderer Wald, und da wünschte ich mir an der ein oder anderen Stelle einfach ein Stück mehr Gelassenheit.

Die Region neu definiert

"Etwas Besseres hätte uns nicht passieren können“: Für den Bad Harzburger Bauherrn Dirk Junicke ist die nun 30Jahre zurückliegende Grenzöffnung ein Ereignis, das ihn weiter auch emotional bewegt. Zudem jedoch haben sich für den Investor Junicke in jenen Novembertagen 1989 neue Welten eröffnet: „Es war eine Initialzündung, die Region für die eigene Entwicklung neu zu definieren.“

Die Aktivitäten der Firma Junicke, in der die nächste Generation mit Julius, Carl Jobst und Sophie das Ruder übernimmt, hatten sich über Jahrzehnte auf Bad Harzburg konzentriert. Geschäftlich, als Spender und Ideengeber wertete Dirk Junicke das Bild seiner Heimatstadt wie auch jetzt wieder mit dem neuen „Looges“-Projekt in der Papenbergstraße nachhaltig auf. Sinnbild dafür ist der von ihm initiierte Jungbrunnen, heute das Wahrzeichen der Kurstadt.

"Etwas Besseres hätte uns nicht passieren können“

Mit der Grenzöffnung rückten „neue und spannende Felder“ in den Blick. Eine maßgebliche Rolle spielte die Bad Harzburger Partnerstadt Ilsenburg, in der die Firma Junicke fünf Häuser in drei Gebäuden errichtet hat. Ilsenburg ist für Dirk Junicke weiter ein interessantes Pflaster, es gebe kaum eine Stadt, in der der Aufschwung so fulminant eingetreten sei. Große Unternehmen wie die Ilsenburger Grobblech oder die ThyssenKrupp Presta siedelten sich an und schreiben die Historie des Wirtschaftsstandortes fort.

In diesem Fahrwasser wurde Ilsenburg auch für andere Branchen interessant. Und Junicke entschloss sich mit Partnern, durch zeitgemäße Bauten den Wohnwert der Stadt an die Bedeutung des Industriestandorts anzupassen.

Auch in Sachsen ist „Junicke & Co.“ aktiv – und definiert zudem seit Jahren rund um Bad Harzburg ihr Tätigkeitsfeld neu. Die Kaiserstadt Goslar wurde mit imageträchtigen Vorhaben wie dem Umbau der Realschule „Hoher Weg“ entdeckt, in Wolfenbüttels schöner Altstadt wird ein Projekt realisiert, und auch Braunschweig ist im Fokus. Dass sie mit ihrem Regionsgedanken nicht allein steht, erfährt Familie Junicke tagtäglich über ihre touristischen Aktivitäten mit dem „Aussichtsreich“ auf dem Burgberg und dem „Plumbohms“ im Herzen Bad Harzburgs. „Die Ländergrenze spielt in den Köpfen der Gäste absolut keine Rolle“, konstatiert Dirk Junicke: „Die sehen den Harz als attraktive Einheit, die er auch tatsächlich sein muss.“ 

Naturmonument und touristische Attraktion

Der Eiserne Vorhang wurde zum Grünen Band. Was ehedem die Welt trennte, verknüpft sie nun und schafft Wachstum. Zum einen, weil die Natur sich zurückholt, was die Jahrzehnte entlang der deutsch-deutschen Grenze ihr genommen hatten. Zum anderen aber auch ökonomisch: Das Grüne Band ist ein touristisches Pfund, mit dem vor allem auf dem Wander- und Radtouren-Markt trefflich gewuchert werden kann.

Ein Beleg neben vielen Besuchern auf dem ehemaligen Grenzstreifen ist das nie versiegende und zum 30. Jahrestag der Grenzöffnung wieder besonders aufflammende Interesse der Medien. Und zwar der Medien weltweit. Erst im September war ein südkoreanisches Fernsehteam im Harz unterwegs und richtete den Fokus der Kameras auf das Grüne Band. „Einst Todesstreifen, heute Biotop“, meldete Deutschlandfunk Kultur. Einen anderen Schwerpunkt setzte erst Anfang September die „Welt“ („Früher Todesstreifen, heute Radweg“) und liegt damit auf der gleichen Linie wie das Handelsblatt, das das Grüne Band zu den „schönsten Radstrecken Deutschlands“ zählt.

Längster länderübergreifender Biotopverbund

Letztlich sind all diese Beschreibungen korrekt. Der ehemalige Grenzstreifen hat sich zu einem stark frequentierten Erholungsbereich für Wanderer und Radfahrer entwickelt. Und er wurde dies nicht zuletzt, weil er zugleich mit fast 1400 Kilometer Länge der längste länderübergreifende Biotopverbund in Deutschland ist. Ein unvergleichlicher Streifen Natur, der allerdings in seiner kompletten Nord-Süd-Ausdehnung immer noch zu schließende Lücken aufweist.

Am 9. Dezember 1989, nur einen Monat nach dem Mauerfall, wurde diese erste gesamtdeutsche Naturschutzinitiative federführend vom BUND zusammen mit weiteren ost- und westdeutschen Organisationen als „Grünes Band“ in Hof ins Leben gerufen. Heute hat das Grüne Band sogar über Europa hinaus Vorbild für Biotopverbundkorridore und soll als Nationales Naturmonument unter Schutz gestellt werden. Eine wichtige Aufgabe, an der Umweltschützer und Politik mit Blick auf die Zukunft des Grünen Bandes noch gemeinsam zu arbeiten haben – und deren Umsetzung bisweilen auch entzweit, wie in Sachsen-Anhalt fast die „Kenia-Koalition“.

„Aktuell ist das Grüne Band auf 170 Kilometer Länge noch immer zerstört, insbesondere durch intensive landwirtschaftliche Nutzung. Das Schließen der Lücken ist die große Herausforderung, erschwert durch kleinräumige Besitzverhältnisse, Nutzungsdruck von benachbarten Flächen und dem derzeitigen massiven Flächenhunger“, betont Prof. Dr. Kai Frobel, Initiator des Grünen Bandes und Artenschutzreferent des BUND in Bayern. Es ist eine Herausforderung, die gerade im Harz erkennbar die Mühe lohnt. Neben dem Harzer-Hexen-Stieg als „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ und als einer der „Top Trails of Germany“ blüht das Grüne Band auf dem ehemaligen Grenzstreifen als Naturraum und gleichermaßen als touristisches Zugfperd immer mehr auf.