Eckertal – Stapelburg

Gräben zu und Zäune auf

Die DDR-Bürger schlagen sich durchs Dickicht des Sperrstreifens. Foto: Schlottke

Der Druck auf die Grenzer wird immer größer. Als schließlich Offizielle aus dem Ort Kontakt mit vorgesetzten Stellen aufnehmen, gibt es Grünes Licht für eine kurzfristige Einrichtung eines Übergangs für Fußgänger und Fahrradfahrer. Jetzt kommt Bewegung in die Sache: Zäune werden aufgekniffen, Gräben zugeschüttet, und vor den Augen der „Grenzer“ und mittlerweile Hunderter Zivilisten klettert ein Stapelburger auf jene Blechwand, die das letzte künstliche Hindernis auf dem Weg von Ost nach West und zugleich noch Sichtschutz ist. Als gegen 16 Uhr das erste Element demontiert ist, gibt es kein Halten mehr: Durch eine schmale Öffnung bahnt sich ein Strom von Menschen seinen Weg nach „drüben“.

Samstag war die Grenze in beide Richtungen geöffnet. Westbürger spazierten nach Stapelburg, erst ohne Ausweise, gegen Abend nach Vorzeigen des Personalausweises. Ab Sonntagfrüh hieß es dann wieder: Nur mit Visum von West nach Ost. "Bis zum Sonntagabend überquerten vermutlich 50.000 bis 70.000 Menschen die innerdeutsche Grenze bei Bad Harzburg", schrieb die Goslarsche Zeitung am 13. November 1989. Um 13.45 Uhr rollte der erste Wartburg über die Grenze. Für die Wagen war im Laufe des Sonntags eine Straße aufgeschüttet worden.

Werner Simon war als erster BGS-Beamter in Eckertal

Eigentlich hätte der seinerzeit 43-jährige Werner Simon, Polizeihauptmeister beim Bundesgrenzschutz, am 11. November 1989 frei gehabt. Doch einem Kollegen zuliebe übernahm er den Dienst als Streifenführer. Beim BGS war man zwar angesichts der Tatsache, dass kurz zuvor in Helmstedt und Berlin die deutsch-deutsche Grenze gefallen war, in Alarmbereitschaft.

Simon und seine drei Kollegen streifen also durch ihren Abschnitt, der von Lochtum bis zur Eckertalsperre reichte. Da erreichte sie der Funkspruch ihrer Dienststelle in Goslar: Bad Harzburgs Bürgermeister Klaus Homann hatte sich aus Eckertal gemeldet. Dort sei was im Busche. Simon und seine Streife fuhren hin und sahen die riesige Menschenmenge am Zaun stehen. Simons erste besonnene Handlung: Er wies seine Kollegen an, die Maschinenpistolen, die die Grenzstreifen immer mit sich führten, im Wagen zu lassen. Nur niemanden provozieren. Ein Mann blieb zur Bewachsung und für den Funk.

Die Minuten vor der Grenzöffnung

Werner Simon (2. v. re.) und seine Kollegen sehen sich einer neugierigen Menschenmenge auf Westseite gegenüber.

Foto: Schlottke

Und nun? Auf vieles war der BGS vorbereitet, „doch für einen solchen Fall hatten wir kein Drehbuch“, sagt Simon. Er improvisierte, verschaffte sich so gut es ging einen Überblick, hielt die Leute von der Brücke fern, weil man ja nicht wusste, wie stabil das alte Ding war.

Plötzlich standen zwei DDR-Bürger hinter ihm. Sie waren über den Zaun geklettert. Quasi eine Vorhut. Vielleicht auch ein kleiner Spionageakt? Eigentlich hätte Simon nach Dienstvorschrift handeln müssen, Personalien aufnehmen und, und, und.

Für einen solchen Fall hatten wir kein Drehbuch. Werner Simon, war für den Bundesgrenzschutz im Dienst

Stattdessen sprach er die beiden Männer freundlich an, fragte, ob sie im Westen bleiben wollen. Nein, die beiden gingen wieder zurück. Da hatte Simon plötzlich die Menschenmenge im Westen gegen sich aufgebracht. Man glaubte, der BGS-Mann hätte zwei arme Flüchtende wieder in den bösen Osten zurückgejagt. Als Vermittler sprang Pastor Klaus Pieper aus Bettingerode ihm zur Seite.

Werner Simon heute

Werner Simon im Jahr 2014 an exakt der Stelle, an der er 1989 den wohl bewegendsten Einsatz seiner Karriere erlebte. Foto: Schlegel

Und dann kam der Moment, den Werner Simon und alle anderen, die dabei waren, im Leben nicht vergessen werden: 15.45 Uhr war es, als Peter Röhling und Norbert Heindorf den Zaun von Ostseite her erklommen und auseinanderschraubten. Was geht da in einem Grenzschützen vor? „Ich habe mich gewundert, dass die das einfach so aufschrauben durften,“ sagt Simon heute lapidar und allein dieser Satz zeigt, wie besonnen und sachlich der Mann bei der Sache war. Angst? „Nein, zu keiner Sekunde.“ Er hatte auch gar keine Zeit dafür. Denn plötzlich stürmen die Menschenmassen in den Westen. Längst hatte Werner Simon da seine Dienststelle informiert, die Verstärkung schickte. Nun übernahmen andere.

Menschenmassen versammelten sich an der Grenze. Heute ist der Metallzaun verschwunden.

Norbert Heindorf und Peter Röhling schrauben den Grenzzaun auf

Eigentlich waren Röhling (damals 24) und Heindorf (damals 41) an diesem Tag damit beschäftigt, das Röhlingsche Haus in Stapelburg herzurichten. Da kam Röhlings Frau Kathrin herein und erzählte, im (West)-Radio würden sie durchsagen, dass die Grenze nun auch in ihrem Dorf aufgemacht werden würde. Noch heute weiß übrigens niemand, wie diese Radiomeldung zustande kam, Röhling hat Jahre später versucht, beim Sender nachzuforschen, das blieb aber ergebnislos.

Immer mehr DDR-Bürger kamen nach der Radiodurchsage an die Grenze. Foto: Wolfgang Tharann

Doch zurück ins Jahr 1989. Die beiden Männer fuhren an die Grenze. Der Schlagbaum der 500-Meter-Zone war zu, aber Heindorf hatte einen Passierschein und durfte durch. Sie postierten sich vor dem Grenzzaun und warteten. Immer mehr Menschen kamen, die Stimmung war irgendwie locker und doch angespannt. Zwei Soldaten der DDR-Grenztruppen standen mit ihren Maschinenpistolen Wache, niemand wusste, wie sie reagieren würden. Aber die Atmosphäre dieser Tage machte die Menschen mutig: „Wir haben mit den Grenzern gesprochen, rumgeflachst, gelästert“, erzählt Röhling: „Mensch, komm, macht auf…“ Das hätte man sich wenige Tage vorher nie und nimmer getraut.

Wir wollten nur mal gucken.Peter Röhling und Norbert Heindorf, öffneten die Grenze in Eckertal

Doch die Grenzer ließen sich nicht erweichen. Irgendwann kamen eine Delegation des Landkreises und einige Offiziere. Nein, man könne die Grenze nicht aufmachen, erklärten die, auf der anderen Seite im Westen sei die Brücke baufällig. Heindorf und Röhling schmunzeln da heute noch. Denn für sie und alle anderen DDR-Bürger hörte damals am Zaun die Welt auf. Kein Mensch wusste wirklich, was auf der anderen Seite war.

Die Menge ließ die Ausrede mit der Brücke nicht gelten. Da kam die Nächste: „Wir haben gar kein Werkzeug.“ Es schlug die Stunde von Röhling und Heindorf. Sie holten einen 13er- und einen 17er-Schlüssel und eine Kombizange aus Röhlings Trabi. Ein Trabantfahrer hatte immer Werkzeug dabei. Röhling half Heindorf per Räuberleiter auf die drei Meter hohe Zaun-Konstruktion. Schrauben konnte man nämlich nur, wenn man beide Seiten packte. Röhling hielt mit der Zange die Muttern im Osten fest, Heindorf schraubte im Westen aus. Angst? Irgendwie schon, noch immer wusste niemand wie die Grenzer reagieren würden.

Dann war das erste Stück des Zaunes gelöst und konnte beiseite gestellt werden – der Eiserne Vorhang war offen. Röhling und Heindorf schauten angespannt und auch ein wenig ängstlich durch. Ein Bild, das in den vergangenen 25 Jahren dutzendfach veröffentlicht wurde. Und nun? An Flucht dachte keiner der beiden, „wir wollten nur mal gucken“.

Und heute? Heindorf und Röhling sind immer noch Freunde und wohnen immer noch in Stapelburg respektive Ilsenburg. Heindorf hat die Schrauben, die er damals aus dem Zaun holte, aufgehoben, Röhling die Zange.

Die Menschen strömen über die Grenze

Keine Straße. Die Brücke marode, seit Jahrzehnten nicht benutzt. Der Grenzstreifen bis zu einer Tiefe von 50 Metern mit Büschen und Bäumen verwuchert und der Erdboden verschlammt. Dahinter Metallstreckzaun und Betonmauer. Doch an diesen Samstagnachmittag kurz vor 16 Uhr durchbrachen die Menschen den Eisernen Vorhang in Stapelburg, überwanden alle Hindernisse und schufen sich „ihren“ Grenzübergang.

Im Harz dauerte es ja nicht lange, da wurde nach dem 9. November auch der Grenzübergang im Eckertal eröffnet. Diesen Tag habe ich als riesige Kolonne von roten Rücklichtern in Erinnerung: den Rücklichtern der Autos, die sich in Richtung Eckertal auf den Weg gemacht hatten. Sigmar Gabriel, Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland

Der sah völlig anders aus, als ihn ein halbes Jahr zuvor der niedersächsische Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Heinrich Jürgens (FDP), mit dem stellvertretenden Staatsratsvorsitzenden der DDR, Manfred Gerlach, in Verhandlungen für das Jahr drauf für Stapelburg/Eckertal vereinbart hatten. Statt eines Übergangs mit Abfertigungshäusern und Schlagbäumen gab es jetzt zwei Holzbalken, die, quer über die Ecker geworfen, Männern, Frauen, Kinder zu Hunderten den Weg von Ost nach West eröffneten. Sie balancierten voller Freude über das Provisorium.

Der „neue“ Grenzübergang zwischen Stapelburg und Eckertal: Die Menschen balancieren auf zwei Balken über der Ecker. Foto: Schlottke

Fußgänger durchquerten das 500-Meter-Sperrgebiet. Menschen fielen sich in die Arme und weinten vor Freude. Metallplatten wurden vom Grenzzaun abgeschraubt, ein Graben mit Erde zugeschoben. Die alte Eckertalbrücke wurde jedoch nicht freigegeben. Sie war teilweise verrottet und bei großer Belastung einsturzgefährdet. Koordiniert vom Landkreis machten Bundesgrenzschutz, Technisches Hilfswerk und Feuerwehr die seit 40 Jahren nicht mehr befahrene Eckerbrücke innerhalb weniger Stunden in einer nächtlichen Aktion wieder passierbar – mittels dicker Stahlträger.

Samstag war die Grenze in beide Richtungen geöffnet. Westbürger spazierten nach Stapelburg, erst ohne Ausweise, gegen Abend nach Vorzeigen des Personalausweises. Ab Sonntagfrüh hieß es dann wieder: Nur mit Visum von West nach Ost. "Bis zum Sonntagabend überquerten vermutlich 50.000 bis 70.000 Menschen die innerdeutsche Grenze bei Bad Harzburg", schrieb die Goslarsche Zeitung am 13. November 1989. Um 13.45 Uhr rollte der erste Wartburg über die Grenze. Für die Wagen war im Laufe des Sonntags eine Straße aufgeschüttet worden.

Die Brücke von 1989 steht heute nicht mehr, dafür etwas versetzt eine neue. Fotos: Schlegel/Sowa

Am Sonntag, 12.11.1989 wurde eine Straße aufgeschüttet. Heute ist sie asphaltiert. Fotos: Seltmann/Sowa

Es wird gefeiert

Es geht herüber und hinüber. Ost und West sind in diesen Nachmittags-, Abend-, Nachtstunden eins, eins in einem Volksfesttaumel von Zehntausenden von Menschen. Gegen 23 Uhr sind die Biervorräte im Stapelburger Kulturhaus leer getrunken.

Am Abend des 11. November 1989 kam ein junger Mann ins Haus, den wir alle nicht kannten. Die Haustür stand ja offen. Er sagte immer wieder: Das ist ja irre. Man kann einfach zu den Leuten ins Haus gehen, und überall bekommt man zu essen und zu trinken. Brigitte Schimrosczyk, wohnt innerhalb des damaligen Sperrgebiets bei Eckertal

Ansturm im Eckerkrug: Bad Harzburgs Bürgermeister „Jockel“ Homann persönlich zapft für Gäste aus Ost und West. Foto: Schlottke

Im Eckerkrug fließt das Bier noch. Bad Harzburgs Bürgermeister „Jockel“ Homann steht im Gastraum persönlich hinter dem Tresen und zapft. Bad Harzburgs Stadtdirektor Horst Voigt hat im Hinterzimmer des Gasthauses derweil seine Kommandozentrale eingerichtet. Von hier aus organisiert er Omnibusse, Begrüßungsgeldzahlungen im Rathaus und Unterbringungsmöglichkeiten für Ostdeutsche, denen eine Bleibe fehlt.

Ein prominenter Gratulant

Für Hilmar Rasche, Bürgermeister von Stapelburg,  galt es am 11. November 1989, die Geburtstagsfeier seiner 80-jährigen Mutter im Schützenhaus Stapelburg zu organisieren. Rund 70 Gäste waren eingeladen.
Beim gemeinsamen Mittagsessen wunderte sich Rasche schon ein wenig, dass so viele Autos im Ort parkten. Als der heute 66-Jährige gegen 15 Uhr von einem kleinen Spaziergang wieder kam, traute er seinen Augen nicht. „Plötzlich war die Bude schlagartig leer“, erzählt Rasche.
Der Großteil der Festgesellschaft war zum Grenzübergang gegangen und wartete darauf, dass die Grenze geöffnet wurde. Gegen 16.30 Uhr war es dann so weit, der erste Grenzübergang zwischen der DDR und BRD wurde errichtet, die Menschen feierten, und Rasche und seine Mutter waren immer noch im Schützenhaus. Gegen 18 Uhr kamen nach und nach die Gäste zurück, und es wurde weiter gefeiert.

Eigentlich war ich auch noch im Oktober 1989 felsenfest davon überzeugt, dass die Mauer niemals fallen wird, selbst als Honecker abgesetzt wurde.Hilmar Rasche, Bürgermeister von Stapelburg

Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Ernst Albrecht (Mitte) war als einer der ersten Politiker am Ort des Geschehens. Foto: Schlottke

Um 20 Uhr betraten plötzlich zwei Anzugsträger den Festsaal und kurz darauf ein dritter, der sich als Ernst Albrecht, Ministerpräsident von Niedersachsen vorstellte. Rasche erzählte ihm, dass seine Mutter Geburtstag habe, und Albrecht gratulierte brav und unterhielt sich lange mit dem Geburtstagskind.

Die Einladung zum Essen nahm der Ministerpräsident dankend an. Das Schützenhaus platzte langsam aus allen Nähten, weil immer mehr „BRD-Bürger“ einfach mal „Hallo“ sagen wollten. „Da hat sich dann jeder selbst bedient, aber das hat uns nichts ausgemacht“, berichtet Rasche. Albrecht verabschiedete sich und bedankte sich für die Gastfreundlichkeit.

Guten Abend, Herr Ministerpräsident. Dürfen wir Ihren Ausweis sehen? Frage eines Angehörigen der DDR-Grenztruppe an Ernst Albrecht, als dieser durch den offenen Grenzzaun in Richtung Osten ging

Die nächsten Jahre bekam Mutter Rasche zu jedem Geburtstag eine Glückwunschkarte. Zu ihrem 90. Geburtstag lag jedoch keine im Briefkasten. Etwas enttäuscht ging die Seniorin mit ihrem Sohn zu ihrer Feier ins Schützenhaus. Da dann die Überraschung: Ernst Albrecht höchstpersönlich gratulierte der 90-Jährigen zum Geburtstag und feierte mit der Geburtstagsgesellschaft ausgelassen mit.

Das Geld wird knapp

Wenige Stunden nach Grenzöffnung wurde durch die KVG ein Buspendelverkehr eingerichtet zwischen Eckertal und Harzburg. Am Samstagnachmittag öffneten die Geschäfte. Die Straßen in Bad Harzburg und Goslar waren voll, die Geschäfte leer. Als der Ansturm der DDR-Bürger kurz nach Fall des Grenzzauns auf die westdeutschen Innenstädte ansetzte, war der Konsumbedarf verständlicherweise groß. Doch dazu brauchte es erst einmal Geld. Zwei ehemaliger Banker erinnern sich.

Ich esse kein grünes Obst. Nicole Politz (6), als sie das erste Mal in Westdeutschland grüne Weintrauben angeboten bekam

„Die Euphorie war unbeschreiblich“, sagt Peter Weihe. Der Bankdirektor, der Vorstandsmitglied der damaligen Volksbank Goslar war, erinnert sich sehr lebhaft an die entscheidenden Stunden des 11. November 1989 und deren Folgen.

Weihe setzte an diesem Samstag alle Hebel in Bewegung, um spätestens am Sonntag die DDR-Bürger, die bis nach Goslar kamen, mit Begrüßungsgeld versorgen zu können. „Henning Binnewies sorgte mit den Landkreis-Mitarbeitern für das Personal, und wir von der Volksbank lieferten das Geld“, erinnert sich Weihe. Binnewies war damals Kreisdezernent.

„In unserem Tresor lagen vielleicht 400.000 bis 500.000 D-Mark, die waren ruckzuck alle“, so der einstige Bankdirektor. Also nutzte er seinen kurzen Draht zur zuständigen Landeszentralbank, die damals noch in Goslar in der Klubgartenstraße residierte. Von dort aus war es nur ein kurzer Weg einmal über die Straße in die damalige Kreisverwaltung, wo an zehn provisorischen Abfertigungsplätzen die 100 D-Mark Begrüßungsgeld ausgezahlt wurden. Nicht kurz war hingegen die Warteschlange, die laut Weihe bis zum Bahnhof reichte.

Warten auf harte Währung: Nicht nur im Bad Harzburger Rathaus, sondern auch in Banken wurde das Begrüßungsgeld in Höhe von 100 D-Mark pro Kopf ausgezahlt. Der Andrang der DDR-Bürger in den ersten Tagen war enorm. Foto: Archiv Plaster

Ähnlich die Bilder in Bad Harzburg. „Die Schlangen teilten sich etwa in der Höhe des Werner-von-Siemens-Gymnasiums“, erinnert sich Jürgen Werner an Menschenmassen. Der damalige Bankprokurist und spätere Bankabteilungsdirektor der Nord/LB in Bad Harzburg half mit, als sein Geldinstitut die Stadt bei der Auszahlung des Begrüßungsgeldes unterstützte. Der eine Teil der Schlange stand auf der Herzog-Wilhelm-Straße in Richtung Rathaus gewandt, der andere in Richtung Nord/LB am Bahnhof.

Um zu kontrollieren, dass das Geld nicht doppelt ausgezahlt wurde, so der 70-Jährige Bad Harzburger, hätte es Listen gegeben. Doch das habe sich nicht bewährt. Also bekam jeder, der Geld erhalten hatte, einen Stempel in den Ausweis.

Und schon wieder eine Schlange: Nachdem sich die DDR-Bürger ihr Begrüßungsgeld abgeholt hatten, gaben sie es – wie hier am ehemaligen Aldi-Markt in der Bad Harzburger Herzog-Wilhelm-Straße – wieder aus. Foto: Archiv Plaster

Der Geldnachschub aus der zuständigen Landeszentralbank in Braunschweig gestaltete sich indes schwierig. Die Transport- fahrzeuge kamen kaum durch die Menschenmassen, also musste sogar ein Hubschrauber eingesetzt werden. Der Andrang war enorm. Sogar die Toilettenanlagen in der Bank hätten versagt. Immerhin wurde es mit der Zeit leichter, an Geld zu kommen. „Unsere Kassierer gingen in den gegenüberliegenden Minimal-Markt und holten das dort ausgegebene Geld ab, um es gleich wieder an die Nächsten auszuzahlen“, erinnert sich Werner an den Geldkreislauf auf engstem Raum.

Das Rathaus in Bad Harzburg wurde im November 1989 für tausende DDR-Bürger zur ersten Anlaufstelle, hier wurde das Begrüßungsgeld ausgezahlt. Auf einem Schild über den Eingang wurden sie willkommen geheißen. Foto: Archiv

Rund 3 Millionen D-Mark Begrüßungsgeld hat die Stadtverwaltung Bad Harzburg an den ersten beiden Tagen nach der Grenzöffnung bei Eckertal an DDR-Bürger ausgezahlt. Jeder von ihnen erhielt beim Besuch im Westen 100 D-Mark – dass macht rund 30.000 Auszahlungen, sprich 30.000 Menschen, die ihr Geld an nur einem Wochenende in Bad Harzburg in Empfang genommen haben.

Das Rathaus als Gasthaus

Aus heutiger Sicht ist es eine logistische Meisterleistung, die von der Stadtverwaltung nach dem Fall der Mauer quasi aus dem Hut gezaubert werden musste. Als Leiter des Amtes für Soziale Dienste war Rolf Meyer damals für die Auszahlung des Besuchergeldes zuständig. Der Strom der Menschen riss nicht mehr ab, erinnert er sich. Sie warteten in Vierer- und Fünferreihen.

Sie lagen, übermüdet und überwältigt, in den Fluren und im Treppenhaus und schliefen. Rolf Meyer, Leiter des Amtes für Soziale Dienste Bad Harzburg

Das DRK verteilte vor dem Rathaus Suppe und heiße Getränke. Währenddessen drinnen rund 80 Mitarbeiter mit der Auszahlung des Geldes beschäftigt waren. Es wurde in Schichten bis zum nächsten Tag durchgearbeitet, doch an Schlaf sei in dieser Nacht ohnehin nicht zu denken gewesen, so Meyer.
Die tausenden Besucher stellten die Verwaltungsmitarbeiter bald vor neue Probleme. Einige von ihnen nutzten das Rathaus zum Übernachten. „Sie lagen, übermüdet und überwältigt, in den Fluren und im Treppenhaus und schliefen“, schildert Rolf Meyer den historischen Ausnahmezustand. Viele Familien kamen mit Kleinkindern und Babys, die irgendwo versorgt werden mussten. Kurzerhand wurde die Garderobe des Ratssaals zum Wickelraum umfunktioniert, die passenden Tische hatten Verwaltungsmitarbeiterinnen von zu Hause mitgebracht. Die Teeküchen wurden zu Milchwärmküchen, aus den Drogerien vor Ort wurden kistenweise Milchpulver und Windeln ins Rathaus geliefert.

Der 1.000.000. Pkw am Grenzübergang Eckertal schaffte es einen Tag später in die Goslarsche Zeitung. Repro: Nöhr

In Bad Harzburg verursachte die Reisewelle ein Verkehrschaos mit Blechkolonnen bis nach Goslar. Schon am 20. März 1990 passierte der einmillionste Personenwagen den Grenzübergang zwischen Eckertal und Stapelburg. Der Grenzübergang im Vorharz war schnell zu einem der beliebtesten geworden. Erst durch die Umgehungsstraße kehrte später wieder Ruhe ein.

Als Dank gab es den Marschkompass

Der Marschkompass F 58, den der Soldat Helmut Gleuel schenkte. Foto: Privat

Anstatt zur Verlobten ging es in den Westen. Helmut Gleuel, ehemaliger Zollbeamter der Grenzaufsichtsstelle Eckertal, half einem Soldaten der NVA zur Flucht.

Es war in den Abendstunden eines nebligen Herbsttages „Ende der 60er Jahre“, als Gleuel und ein Kollege an der Grenze in Eckertal patrouillierten. Plötzlich kam ihnen ein Mann entgegen, der sie verängstigt und unaufgefordert darüber informierte, dass er Soldat der DDR-Grenztruppen und gerade geflohen sei – ein „Republikflüchtiger.“

Der Mann, stationiert in der Grenzkompanie Stapelburg, hatte eine Verlobte, die im Schutzstreifen in Stapelburg wohnte. Eine Sondergenehmigung erlaubte ihm, die Dame immer mal wieder zu besuchen. Dieses Privileg nutzte er aus: An jenem besagtem Abend verließ er die Kaserne, ging aber nicht zur Verlobten, sondern schlich nur mit einem Kompass ausgerüstet zur „Staatsgrenze West“.

Schweißtreibende Stunden später, der Soldat grub sich unter den Grenzzaun durch, lief der Flüchtling Gleuel in die Arme. Die mehrstündige und lebensgefährliche Fluchtaktion war geglückt. Die westdeutschen Zollbeamten übergaben den glücklichen Mann letztendlich an den Bundesgrenzschutz Goslar. Helmut Gleuel hält noch heute ein Dankeschön-Geschenk des Flüchtlings in Ehren: den Marschkompass F58, der den Weg zum Grenzzaun wies.